Oder: Wir sind am Start und die Welt ist groß Wir ham’ kein Ziel, aber wir fahr’n los unser Zug ist abgefahr’n doch wir sitzen drin Niemand kann ihn stoppen, wir werden weiterrocken ..

Freitag, 4. Mai 2012

Mc Loed Ganj 26.03. - 29.03.2012


Nach unserer Zug-/Busfahrt von Amritsar erreichten wir am frühen Nachmittag Dharamsala. Bekannt ist Dharamsala vor allem als Wohnort des Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der tibetischen Buddhisten. Dieser Ort besteht aus zwei Teilen, die sich stark voneinander unterscheiden. Der untere Teil ist von Geschäften, Verwaltungsgebäuden und Busbahnhöfen dominiert, ist chaotisch und laut – halt richtig indisch! Den oberen Teil Mc Loed Ganj, fast 600m oberhalb des unteren Stadtteils gelegen ist tibetisch geprägt, hier residiert auch der Dalai Lama. Dreimal dürft ihr raten wo wir hin wollten! Natürlich zu unseren geliebten Tibetern, denen wir bereits in China und Nepal begegnet sind und die uns mit ihrer Freundlichkeit, ihrem Lachen und ihrer tollen Tradition in guter Erinnerung geblieben sind. 
 
Als wir noch etwas verwirrt am Busbahnhof standen und nicht so recht wussten wie und von wo wir nach Mc Loed Ganj kommen können, sprach uns prompt ein netter Tibeter in unserem Alter an. Er wollte auch in den oberen Stadtteil und nahm uns mit. Dort angekommen zeigte er uns noch direkt die günstigen Unterkünfte – einfach so! Ohne Hintergedanken – ohne uns was verkaufen zu wollen – und ohne sonst einen Vorteil für ihn! Keine Frage dass wir uns direkt wohl und gut aufgehoben fühlten. Bei unserem vier-tägigen Aufenthalt begegneten wir ihm immer wieder! 

Wir genossen die Freundlichkeit der Menschen, das gute tibetische Essen und die Nähe zu den Bergen. Endlich war es auch wieder kühler. Nach der Hitze und Trockenheit Rajasthans  genossen wir die grünen Wälder, den kühlen Wind im Gesicht und sogar den Regen der ab und ab mal kam. Zudem war es wieder möglich ein wenig in der Gegend zu wandern – man konnte sich dank der Temperaturen  wieder bewegen!!!! 


Wir setzten uns natürlich auch viel mit der tibetischen Kultur, dem Buddhismus und vor allem der tragischen Geschichte dieser liebenswerten Menschen auseinander. Da wir der Meinung sind, dass dem einfach zu wenig Beachtung geschenkt wird – gerade in unserer Welt, wollen wir diesen Blogeintrag nutzen, um nochmal darauf Aufmerksam zu machen, was damals in Tibet vor sich gegangen ist und noch bis heute andauert…

Im Jahre 1949 drangen die ersten Truppen der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Amdo, die nordöstliche Provinz Tibets, ein. 1950 greift ein Heer von 40.000 Soldaten die südöstliche Provinz Kham an und besetzt das Land gewaltsam. Dem 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso wird im Alter von 15 Jahren die Macht übertragen. Unter militärischem Druck unterzeichnet eine tibetische Delegation 1951 das 17-Punkte-Abkommen, in dem der Status Tibets als Teil Chinas mit politischer Autonomie und kultureller sowie religiöser Freiheit vereinbart  wird. Doch ist der Vertrag völkerrechtlich ungültig und der autonome Status wird zudem von China missachtet: Die chinesische Armee marschiert noch im selben Jahr in Lhasa ein.
Die tibetische Bevölkerung leidet unter dem Terror und der Gewalt der chinesischen Besatzer. Es entsteht eine Widerstandbewegung in den östlichen Provinzen Tibets. Bei ihrer Zerschlagung sterben zahlreiche Tibeter, Klöster werden zerstört.
Nach Jahren der Unterdrückung kommt es in Tibet am 10. März 1959 zum Volksaufstand, der von der chinesischen Armee blutig niedergeschlagen wird. Dem Dalai Lama gelingt es, noch rechtzeitig ins indische Exil zu fliehen. Die chinesischen Besatzer gehen nun noch rücksichtsloser gegen die tibetische Bevölkerung vor. Sie wird immer häufiger Opfer von Übergriffen. 1965 verkündet Peking die „Autonome Region Tibet“ (TAR), eine Region, die nur etwa die Hälfte des Territoriums Tibets umfasst.
Die „Große Proletarische Kulturrevolution“ von 1966 bis 1976 bringt weitere Gewalt und Elend über Tibet. Es sterben 1,2 Mio. Menschen. Auch die verbliebenen Tempel und Klöster werden nun zerstört. Nach der Kulturrevolution sind nur noch 12 Klöster erhalten.
Die Lebensbedingungen in Tibet sind äußerst schlecht unter der chinesischen Herrschaft. Selbst grundlegende Menschenrechte werden nicht gewahrt. Es kommt immer wieder zu Aufständen, die gewaltsam beendet werden. Zwischen 1987 und 1989 sind die Unruhen besonders heftig und Peking verhängt den Kriegszustand über Lhasa. Der Dalai Lama bemüht sich um eine Annäherung und schlägt den „Mittleren Weg“ ein, d.h. er fordert nicht die Unabhängigkeit, sondern nur eine echte Autonomie Tibets innerhalb des chinesischen Staatsverbands. Doch die Verhandlungen mit der chinesischen Regierung bleiben erfolglos. Im März 2008 kommt es erneut zu heftigen Protesten in Tibet, die brutal niedergeschlagen werden und über 200 Menschen das Leben kosten, darunter viele Mönche und Nonnen.



 

Aktuell leben etwa 135.000 Tibeter im Exil. Die Mehrzahl lebt in Indien (100.000) und Nepal (20.000). Zuflucht fanden viele Tibeter unter anderem auch in Bhutan (1.600), Nordamerika (10.000) und in der Schweiz sowie anderen Ländern Europas (4.000).
Seit 1960 lebt der Dalai Lama im indischen Dharamsala, am Fuße des Himalajas. Dort ist auch der Sitz der Tibetischen Regierung im Exil (Tibetische Zentralverwaltung) und anderer wichtiger tibetischer Institutionen. In Klein-Lhasa, wie der obere Teil der Stadt auch genannt wird, haben sich etwa achttausend Tibeter niedergelassen und sind darum bemüht, die im eigenen Land bedrohte Kultur zu bewahren. Viele der Einwohner sind Mönche und Nonnen, die nach Dharamsala kamen, um dort ein tibetisches Kloster zu besuchen und ihre Religion frei ausüben zu können. 

Nepal beherbergt nach Indien die größte tibetische Exilgemeinschaft. Das Land ist die erste Anlaufstelle für alle, denen die gefährliche Flucht über den Himalaya gelingt. Doch der tibetische Flüchtlingsstrom, der seit 1959 anhält, führt in Nepal immer wieder zu politischen Kontroversen. Ursache hierfür ist vor allem der zunehmende politischen Druck aus China, Aktivitäten von Exiltibetern im Land zu unterbinden. So kommt es beispielsweise immer wieder zur Auslieferung von tibetischen Flüchtlingen, was von der internationalen Gemeinschaft und ihren Institutionen nachdrücklich kritisiert wird. Einst gestattete eine informelle Abmachung zwischen der nepalischen Regierung und dem UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) den fliehenden Tibetern eine sichere Durchreise ins Exil nach Indien. Heute können sich die tibetischen Flüchtlinge darauf nicht mehr verlassen.

 

Während unseres Aufenthalts in Mc Loed Ganj kam der chinesische Ministerpräsident nach Indien. Bei einer Demonstration in Dehli verbrannte sich der 27 jährige Tibeter Jamphel Yeshi und erlag wenige Tage später seinen Verletzungen. Wie verzweifelt muss ein Mensch ein um sich selbst zu verbrennen???

Aus Protest gegen die chinesische Unterdrückungspolitik haben sich seit März 2011 mindestens 35 Tibeter in Brand gesetzt.



Amritsar 25.03.2012


Wir fuhren über Nacht in das Bundesland Punjab. Ziel war der heiligste Pilgerort der Sikhs, der Goldene Tempel! Vorab eine kurze Beschreibung der Sikh-Religion.
  
Der Sikhismus wurde durch den Wanderguru Nanak im 1500 Jh. Begründet und durch seine 9 nachfolgenden Gurus geprägt. Er hinterfragte den hinduistischen Glauben und war eine Art Reformator. In seiner neuen Glaubensrichtung schaffte er z.B. das Kastensystem ab und fügte durch reisen gewonnene Islamische Einflüsse, wie die Bildlosigkeit und den Monotheismus seiner neuen Religion bei. Dadurch dass es kein Kastensystem gibt und jeder die Möglichkeit hat zu dieser Religion zu konvertieren, bietet diese Religion vielen Hindus die Möglichkeit aus Ihrem reingeborenen bestimmten Leben zu fliehen. Viele Sikhs haben es dadurch zu Wohlstand gebracht was leider auch zu Neid und Verfolgung führte. 
 
Für die Sikh gibt es ein paar Regel bezüglich Kleidung, Namensgebung und Auftreten woran man Sie sofort erkennt. Sie tragen ungeschnittenes Haar das sie meist unter einem kunstvoll gebundenen Turban verbergen. Als Zeichen dafür, dass die Sikh Arme, Schwache und Unschuldige verteidigen trägt jeder einen Dolch oder Säbel mit sich und einen Armreif der ursprünglich zum Schutz gegen Schwerthiebe getragen wurde heute aber als Zeichen der Gemeinschaft gilt. Wer noch mehr wissen möchte findet z.B. bei Wikipedia einen umfangreichen Eintrag zu dieser Glaubensrichtung.

Wir kamen am Amritsar Busbahnhof an. Wir hatten gehört, dass die Sikh den Pilgern und Besuchern ihrer heiligsten Stätte kostenfrei einen Schlafplatz anbieten. Mit einer Fahrrad Rikscha ging es zum Tempel. Tatsächlich leiteten uns die freundlichen Menschen direkt in ein Gebäude aus dem zahlreiche Menschen strömten. Für Ausländische Touristen gab es sogar mehrere separierte Schlafsäle die durch einen mit Speer bewaffneten Wächter gesichert wurden. In dem größten Schlafsaal schliefen die Besucher schon auf dem Boden da es so voll war. Wir aber hatten Glück eine Familie die packte gerade ihr Zeug zusammen und wir konnten direkt in ein kleines 3-Mann Zimmer einziehen. 



Gleich darauf machten wir uns das erste Mal auf, uns den Tempel aus der Nähe anzusehen. Als erstes wird man gebeten seinen Kopf zu bedecken, dann geht es durch ein kleines Wasserbecken in dem man sich die Füße wäscht, anschließend durch einen großen imposanten Torbogen und schon steht man vor einem großen, rechteckigen See in dessen Mitte, einer Insel gleich, glänzend der goldene Tempel thront. Die Insel ist über einen Steg zu erreichen. Leider können wir nix über das innere des Tempels erzählen, da wir am Wochenende dort waren und der Andrang der Pilger einfach zu groß war und wir nicht mehrere Stunden Schlange stehen wollten. Aber auch ohne ins Innere gekommen zu sein, verzauberte uns dieser magische Ort. Alle Menschen erschienen uns hier sehr glücklich zu sein und freuten sich offensichtlich auch über uns Besucher. Wir kamen an diesem Tag noch mehrmals hierher um den Tempel und die Menschen zu den verschiedenen Tageszeiten zu beobachten und die friedliche Stimmung zu genießen. 

die Großküche
Die Sikhs kümmern sich sehr gut um Ihre Pilger und Gäste und bieten neben kostenlosen Schlafplätzen auch freie Kost an. Die Essensausgabe war ganz indisch untypisch perfekt organisiert und ist ebenfalls ein riesen Spektakel. Man reiht sich in die Menschenmassen ein, die zur Essensaugabe gehen und bekommt von nett lächelnden Männern einen Teller, eine Schale und Löffel in die Handgedrückt. Weiter geht es mit der Masse vor die noch verschlossenen Türen eines riesigen Zweistöckigen Speisesaals. Kurz wird noch gewartet bis die vorhergegangene Masse gesättigter Menschen die Halle auf einer anderen Seite verlassen hat. Nun geht’s hinein, in langen dicht aufeinander folgenden Reihen setzt man sich auf langen Bambusmatten auf den Boden und stellt Teller und Schüssel vor sich hin. Noch bevor sich der letzte hingesetzt hat wird schon durch fleißige Helfer mit Eimern und Kellen das Essen: Dhal, Curry, Chapati, Reispudding und Tee oder Wasser, verteilt. Sobald die ersten aufstehen und sich die Reihen lichten, wird Wasser vor einem auf dem Boden gegossen und die nächsten fleißigen Helfer kommen mit Abziehern um alles Verkleckerte weg zu wischen. Wieder draußen gibt man Geschirr und Besteck wieder ab und geht an der laut klappernden Waschküche vorbei an ein super langes Waschbecken um sich die Hände zu waschen…und schon ist das Spektakel vorüber. Alles durchgeführt von freiwilligen, lächelnden Helfern.



  
Schwertherstellung
Wie schon gesagt wir waren begeistert vom Goldenen Tempel und allem drum herum. Amritsar selbst guckten wir uns auch noch ein wenig an, aber besonders speziell oder schön war es nicht. Vielleicht sollte man noch erwähnen das es in Amritsar noch einen weiteres Touristisches Highlight gib. Man kann Ausflüge zur nahen Indisch/Pakistanischen Grenze machen. Dort wird jeden Tag eine Art Wettstreit durchgeführt, welches Land die Fahne besser einholen kann oder so was in der Art. Wir verzichteten aber gerne darauf uns dieses militärische Geprahle anzugucken.

Am nächsten Morgen ging es auch schon weiter. Wieder einmal hatten wir ein tolles Erlebnis. Wir kauften uns zwei Zugtickets zu einer Stadt in der wir in den Bus umsteigen wollten, der uns nach Dharamsala bringen würde. Da die Zugfahrt nur 3 Stunden dauern sollte kauften wir uns Tickets für die einfachste Klasse. Als unser Zug jedoch einfuhr realisierten wir, dass unser Abteil kurz vorm auseinander Platzen was…so voll war es. Es gab mit den großen Rucksäcken auf dem Rücken kein reinkommen. Ein Polizist der unsere verzweifelten Gesichtsausdrücke erkannte meinte wir sollen uns in der dahinter hängenden Schlafwagen setzten und einfach dort mitfahren, er kläre das ab. OK und das ganze ohne Geld zu verlangen? Wir setzten uns also auf ein paar freie Betten und warteten bis der Kontrolleur kam. Wir merkten schnell das wir nicht die einzigen waren die hier mit dem günstigen Ticket im teureren Abteil saßen. Einen nach den anderen warf der Kontrolleur aus dem Abteil. Wir bekamen es schon mit der Angst zu tun aber uns fragte der Mann gar nicht erst nach den Tickets sondern ging einfach an uns vorbei. Wir waren super erleichtert und konnten unser Glück kaum Glauben. Jemand hatte Mitleid mit uns?!



Bikaner 21.03. - 24.03.2012


Wir fuhren zum Bahnhof und kauften uns zwei Ticktest für die mehrstündige Fahrt nach Bikaner. 

Im Zug trafen wir auf ein älteres kanadisches Pärchen. Sofort sprach uns der Mann an und fragte uns, ob wir englisch sprechen?! Er erzählte uns wie die beiden übers Ohr gehauen wurden. Sie hatte ein Zimmer im Voraus gebucht und bezahlt. Am Bahnhof von Jaisalmer sollten Sie abgeholt werden. Dort wurden sie auch angesprochen und gefragt, ob sie ein Hotel über das Internet gebucht haben. Der Mann brachte sie zu einem Hotel und zeigte ihnen ein kleines nicht so schönes Zimmer. Für nur 250 Rs Aufpreis konnten die beiden aber ein besseres Zimmer beziehen (unser Zimmer kostete uns 150 RS!). Außerdem verkaufte der Mann den beiden auch noch eine langweilige überteuerte Wüstentour. Als er sie an diesem Morgen zum Bahnhof gefahren hatte, sagte er ihnen dann ganz beiläufig, dass das Hotel in dem sie die letzten Nächte geschlafen hatten nicht Desertwind sondern Wind of Desert hieß oder so ähnlich, sie ihm doch aber bitte im Internet bei der und der Seite eine gute Bewertung geben möchten. Da verstanden sie erst, dass sie gar nicht in dem Hotel geschlafen hatten, für das sie schon im Voraus bezahlt hatten. 

Die beiden rüstigen Rentner hatten von so vielen Bekannten gehört das Indien so toll sein soll. Sie aber, hatten das Gefühl andauernd nur belogen und betrogen zu werden, dazu kommt dieser schreckliche Umgang der Inder mit ihrer Umwelt, der Lärm usw. Kurz um sie waren ziemlich enttäuscht und froh bald nach Haus zu fliegen. Er meinte noch spaßeshalber, dass sie vielleicht mittlerweile zu alt sein um mit dem Rucksack herum zu reisen und es Zeit für Kreuzfahrten werde. Wir erklärten ihnen, dass wir teilweise einen ähnlichen Eindruck haben. Wir hatten mittlerweile auch schon so viele schlechte Erfahrungen und Eindrücke gesammelt, die wir wie einen weiteren schweren Rucksack mit uns rumschleppten und der uns stetig runterzog.

Um uns ein bisschen von dieser Last zu befreien, beschreiben die nächsten Zeilen die nervigsten Dinge die uns das Leben oder Reisen in Indien erschwerten:
Grundsätzlich ist jeder dein Freund, solange du Geld hast.
 
Da du helle Haut hast, geht jeder davon aus das du Unmengen an Geld hast und jeder möchte etwas davon abhaben. Verständlich, da wir uns den Flug leisten können den sich viele höchst wahrscheinlich niemals leisten werden können und sich viele Urlauber auch so benehmen. Leider verführt das nicht nur die wirklich bedürftigen Menschen dazu zu betteln sondern auch z.B. fast jedes Schulkind. Die obligatorische ausgestreckte Hand und Frage nach 10 Rupee (oder gerne auch mehr), Sweets, Kugelschreibern oder wenn du das alles nicht hast dann auch nach deiner Sonnenbrille oder Handy usw. nervt auf Dauer. Ignorierst du dieses Gebettel wirst du auch ganz gern mal mit Steinen beworfen.

Der Palast von Bikaner
Gehst du spazieren quatscht dich jeder von der Seite an und probiert dir alles zu verkaufen. Egal ob du dich unterhältst, du was isst oder mit einem zwanzig Kilo Rucksack auf dem Rücken in brütender Hitze kurz vor dem Hitzekoller bist, sollst du noch einen fünf Kilo Marmor Elefanten oder sonst was kaufen.

Hat jemand nix zu verkaufen dabei, kommt nach einem obligatorischen 3 Minuten standard Interview: woher kommst du, Deutschland ist Gut, wie heißt du, bist du verheiratet – das: „by the way“ ich habe eine Guesthouse, mein Bruder hat ein Guesthouse, brauchst du ein Zimmer oder ich bin Künstler – willst du mein Atelier sehen oder mich hat ein böses Schicksal getroffen und brauche Geld oder ich habe ein Tuk Tuk soll ich dich durch die Gegend fahren.
Spricht jemand ein paar Wörter deutsch ist dies ein gutes Indiz das dieser Mensch Touristen gewöhnt ist und will dich verarschen will.

Küche im Rattentempel
Weiter geht’s. Kommst du irgendwo neu an ist es am schlimmsten! Mit dem Zug geht’s noch, da sind so viele Menschen, da wird man meist erst vor dem Bahnhof genervt. Erreicht man ein Ziel per Bus, am besten noch nach einer langen durchfahrenen Nacht, springen die Rikscha oder Taxifahrer schon in den Bus, wecken einen, blockieren alles und nerven mit ihren Fragen - wo man hin will. 

Schlimmer für Sandra als für mich war das durchgängig angestarrt werden. Egal wie sehr sich Frau verhüllt der indische Mann im Alter zwischen 12-65 Jahre starrt sich die Seele aus dem Leib. Wenn es auch nur ein oder zwei kleine weiße, unverhüllte Füße zusehen gibt.
Ist man als Frau so mutig und geht im Bikini an den Strand kann man sich sicher sein das irgendein vorbeigelaufener Mann ein Video mit seiner Handykamera von einem gemacht hat und diesen Film zuhause als Porno verkauft.

Pilger im Rattentempel
Dann das Miteinander der Inder untereinander ist auch so ein Thema. Nur ein paar Beispiele. Im Bus oder Zug wird nicht aufgestanden, sitzt ein Inder auf dem ersten oder zweiten Platz einer dreier Sitzbank muss sich jeder der den freien Platz am Fenster haben will knallhart durchdrängeln. Für alte oder Schwangere wird auch kein Platz gemacht. Es wird nie miteinander geredet, sondern immer nur geschrien. Kommt ein geistig- oder körperlichbehinderte Mensch bettelnd durch den Zug wird ohne Scham gelacht. Besonders erschreckend war eine Scene die wir beobachten mussten, wo ein Ladenbesitzer ein sehr junges, bettelndes Straßenmädchen mit einer Holzlatte von seinem Laden vertrieben hat – wie einen räudigen Straßenköter! Teilweise hat man das Gefühl das so etwas wie Rücksicht oder Respekt völlig unbekannt zu sein scheint.

Hygiene ist auch noch so ein Thema…wie kann man 10 Monate durchgängig durch Asien und Russland reisen ohne Probleme zuhaben aber kaum in Indien angekommen ist der Magen ständig im Arsch oder man bekommt Fieber oder andere leiden? Ist man eine Stunde draußen und kommt wieder in sein Zimmer, ist man beim Hände waschen erst mal geschockt was da für eine braune Brühe in den Abfluss fließt, auch wenn man aus Ekel so gut wie nichts mehr anfasst.

Achja, der Verkehr und die Umwelt…läuft man durch die sowieso überfüllten Straßen genervt vom Lärm, hat man das Gefühl, dass die indischen Hupen noch lauter sind und alle extra mit dem Hupen warten bis sie direkt neben einem sind. Der Umgang mit der Natur ist aber das was uns am aller meisten stört. Nur ein einziges Beispiel. Du gehst über eine vier spurige Brücke. Auf einmal hält mitten im fließenden Verkehr ein Auto am Rand an und ein Mann steigt aus. Du würdest vermuten er hat eine Panne oder sonst was Schlimmeres - aber weit gefehlt, er hat einen großen Plastiksack voll mit Müll und den schmeißt er natürlich in den Fluss unterhalb der Brücke!? Wo auch sonst hin???

Zudem hat man einfach das Gefühl, dass es zu viele Inder gibt. Man ist nie allein. Privatsphäre gibt es nicht. Alles was du machst wird bis ins kleinste Detail beobachtet – ohne Scheu versteht sich! Selbst wenn man ein Buch liest, wird dir dabei über die Schulter geguckt.
Puh genug Luft verschafft und ab gelästert aber man könnte noch so viel mehr schreiben was einen hier in den Wahnsinn treibt. 

Unser Zug fuhr weiter durch die Wüste und passend zu unserer düsteren Stimmung setzte ein Sandsturm ein und innerhalb von Minuten war das ganze innere des Zugabteils von einer dünnen Sandschicht überzogen. 

Abhi vor der Silbertür

In Bikaner angekommen verabschiedeten wir uns von den Kanadiern und machten uns auf den Weg eine Unterkunft zu finden. Leider waren die Zimmer zu teuer oder alles war voll. In einem Hotel dolmetschte ein junger Inder für uns. Wir gingen davon aus das er zum Personal gehörte und nur seine Arbeit machte. Nachdem wir geklärt hatten, dass uns die wirklich zu schäbige Absteige ohne Fenster nicht gefällt, verabschiedeten wir uns von dem Jungen. Aber er bot uns an uns zu helfen und uns ein anderes etwas schöneres Hotel zu zeigen. Sein Name war Abhi. Nach unseren ganzen schlechten oben genannten Erfahrungen dachten wir schon wieder dass er gleich mit dem „by the way“ rausrückte…aber weit gefehlt - er entpuppte sich als wahrer Engel.

Er fuhr mit uns durch die halbe Stadt und wieder zurück bis wir ein passendes Zimmer gefunden hatten. Er war dabei wirklich eine große Hilfe, denn wie sich herausstellte waren alle fast alle Hotels in Bikaner schon voll. Während der langen Suche hatte er uns erzählt, dass er ein Couchsurfer sei und oft Ausländer zu Hause bei sich aufnehme. Zurzeit würden sie aber sein Heim renovieren und er konnte uns keinen Schlafplatz anbieten. (Couchsurfer bieten im Internet einen Schlafplätz bei sich zu Hause kostenlos an, wenn sie dann selber Reisen, können sie bei andern Couchsurfern für ein paar Tage unterkommen) Er bot uns aber an, uns am nächsten Tag zum berühmten Rattentempel zu fahren. Wir nahmen das Angebot dankend an und wollten ihn noch zum Abendessen einladen. Dankend lehnte er ab und meinte, dass er uns nach dem anstrengenden Tag lieber alleine lassen würde.

Leider bekam Sandra das Essen mal wieder nicht so gut und nachdem ich schon lange in Jaisalmer flach lag war sie wieder an der Reihe. Da wir uns aber schon verabredet hatten und nicht unhöflich sein wollten, traf ich mich allein mit Abhi. Zusammen fuhren wir mit dem Zug in den außerhalb gelegenen Karni Mata Tempel. An sich nicht so spektakulär, abgesehen von einer riesigen Silbertür, sind das Highlight dieses Tempels die tausenden von heiligen Ratten die den Tempel bewohnen und von den Priestern gepflegt werden. Überall wimmelte es von Ratten. Selbst in der großen Küche in der für die Ratten und Pilger gekocht wird. Es passiert auch mal ganz schnell das einem die eine oder andere Ratte über den Fuß läuft und man muss tierisch aufpassen wo man hintritt. Leider habe ich die Geschichte die Abhi mir erzählte, warum die Ratten an diesem Ort heilig sind, vergessen…



Nach einer halben Stunde im Tempel ging es wieder zurück zu Sandra. Leider ging es ihr immer schlechter. Wir wollten eigentlich noch Bustickets besorgen um am nächsten Tag weiter nach Amritsar fahren zu können, aber als Abhi Sandra so sah bot er uns an, dass er die Bustickets besorge und sie uns später vorbeibringe. Ich hätte dadurch Zeit mich um Sandra zu kümmern. Dankend nahm ich auch dieses Angebot war. Ich gab ihm ca. 20 Euro und hoffte dass er wirklich so ein netter Junge war wie es den Anschein machte. Und er kam wirklich wieder mit zwei Tickets zwar nicht für den nächsten, aber den übernächsten Tag. 

Unglaublich, nach all unseren schlechten Erfahrungen war es ein wenig so als wollte uns irgendjemand sagen, es sind nicht alle so und es gibt auch sehr viele super nette und ehrliche Menschen in diesem Land. Balsam für unsere Seelen.

Leider war Sandra bis zu unserer Abreise nur noch im Bett und wir konnten nichts mehr mit Abhi machen oder uns anständig für all seine Hilfe bedanken.